Die Jüdische Gemeinde Crainfeld

 

Der alte jüdische Friedhof oberhalb der Straße nach Bannerod, heute die letzte sichtbare Erinnerung an jahrhundertelanges jüdisches Leben in Crainfeld.
  
Neben dem Sitz von Gericht und Pfarrei war Crainfeld über 300 Jahre lang auch das Zentrum einer großen jüdischen Gemeinde, die zeitweise mehr als ein Fünftel der gesamten Einwohnerschaft ausmachte. Erstmals während des 30jährigen Krieges erwähnt, durchlebte diese Gemeinde eine wechselvolle Geschichte bis zu ihrem erzwungenen Ende in der Zeit des "Dritten Reiches". Diese Seite dient der historischen Information über diesen wichtigen und bisher wenig erforschten Bestandteil der Crainfelder Geschichte.
 

Geschichte der jüdischen Gemeinde

Die erste schriftliche Erwähnung von jüdischen Einwohnern Crainfelds findet sich in dem Kriegsschadensverzeichnis des Oberfürstentums Hessens, das im Jahr 1625 entstand und die Schäden der Brandschatzung und Plünderung des Ortes durch die halberstädtischen Truppen am 1.6.1622 beschreibt. Am Ende dieser Liste stehen die Namen von drei Juden und der ihnen zugefügte Schaden, nämlich ein Abraham mit 400 Reichstalern, ein Koppel mit 300 Reichstalern und ein Wolph mit 300 Reichstalern. Der Schadensmeldung nach scheinen diese drei jüdischen Familien ihre eigenen Häuser gehabt zu haben und relativ wohlhabend gewesen zu sein. Die jüdische Gemeinde Crainfeld war eine typische Landgemeinde, deren Entstehung historisch auf die Vertreibung der Juden aus den Städten im Spätmittelalter zurückging. Dass ausgerechnet in Crainfeld eine so bedeutende jüdische Gemeinde entstand, ist auf die Nachbarschaft zum Riedeselland und den Sitz des Gerichts zurückzuführen. Im Unterschied zu den vergleichsweise toleranten Landgrafen von Hessen-Darmstadt hatten die Riedesel Juden die Niederlassung in ihrem Gebiet verboten, gestatteten ihnen jedoch zeitweise den Handel in ihrem Gebiet. Noch lange waren die so genannten "Judenpfade" im Gedächtnis der Bevölkerung bekannt, welche die Crainfelder Juden benutzten, um schnellstmöglich vom riedeselischen ins hessische Gebiet zu gelangen, da sie beim Läuten der Abendglocken das Riedeselland, um Strafen zu entgehen, verlassen mussten. Es ist anzunehmen, dass die Juden nur am Gerichtsort selbst ansässig werden durften, damit sie unter der Kontrolle des landgräflichen Schultheißen standen. Juden durften in althessischer Zeit nicht Ortsbürger werden und waren von den Rechten innerhalb der christlichen Dorfgemeinde ausgeschlossen. Sie mussten ein so genanntes "Judenschutzgeld" zahlen und hatten beim Passieren einer Landesgrenze den "Leibzoll" zu entrichten. Erst durch die neue hessische Verfassung von 1820 und die Gemeindeordnung von 1821 wurden diese diskriminierenden Regelungen abgeschafft. Seither durften sich Juden auch im 1806 hessisch gewordenen Riedeselland niederlassen. Durch den Schultheißen und später den Bürgermeister wurden die so genannten "Judenmatrikel", Kirchenbüchern vergleichbar, geführt. Im Jahr 1830 erwarb schließlich der Handelsmann Abraham Sommer als erster jüdischer Einwohner Crainfelds das Ortsbürgerrecht.

Im Jahr 1665 verfasste der Jude David zu Crainfeld eine Bittschrift an den riedeselischen Amtmann in Lauterbach wegen eines gegen ihn von zahlreichen Untertanen des Riedesellandes verhängten Handels- und Hausierverbotes. Vom 26.11.1666 datiert eine Zeugenaussage des Juden Nathan zu Crainfeld im Prozess des Johannes Appel gegen den Niklas Stein zu Herchenhain vor dem Schöffengericht Burkhards wegen Brandstiftung. Im 18. Jahrhundert sollen sich zahlreiche jüdische Familien aus Nieder-Wöllstadt in Crainfeld niedergelassen haben. Weiterhin gab es eine Zuwanderung aus dem Gebiet der Grafschaft Hanau, wo den Juden im Jahr 1725 das Tragen besonderer Kennzeichen in Form von gelben Handringeln auferlegt worden war. Ganz besonders nahm der jüdische Bevölkerungsanteil in Crainfeld in der Zeit zwischen 1804 und 1886 zu. Im Jahr 1886 hatte Crainfeld schließlich 118 Bürger jüdischen Glaubens bei einer Einwohnerzahl von 518. In den folgenden Jahren nahm ihre Zahl aber wieder ab. Der Grund für die Zunahme war neben der liberaleren hessischen Judenpolitik auch die aufgrund der zahlreichen Verkäufe von Hofreiten infolge der Auswanderungsbewegung gegebene Möglichkeit, ein eigenes Haus zu erwerben. Doch aufgrund der zu starken Konkurrenz der jüdischen Geschäftsleute, die vornehmlich Viehhändler, Geldverleiher oder Krämer waren, untereinander ging die Zahl der jüdischen Einwohner wieder zurück, zumal die wirtschaftliche Lage der bäuerlichen Kunden in den 1890er Jahren eher schlecht war. Viele zog es in Städte wie Frankfurt am Main, wo sie bessere Verdienstmöglichkeiten erhofften. Unklar ist der Einfluss der damals sehr starken antisemitischen Bewegung auf die Abwanderung der Juden. Am Vorabend der nationalsozialistischen Machtübernahme lebten noch 60 Juden bzw. 15 jüdische Familien in dem damals 462 Einwohner großen Dorf.

 

Größe der jüdischen Gemeinde zwischen 1804 und 1936

 
Jahr Jüdische Einwohner Einwohner insgesamt
1804 36 446
1859 65 523
1870 85 535
1871 107 519
1874 90 512
1886 118 518
1900 81 512
1910 68 482
1925 39 443
1933 60 462
1936 20 um 450
 

Wann die offizielle Konstituierung einer jüdischen Gemeinde in Crainfeld erfolgte, ist nicht bekannt. Zur Bildung einer jüdischen Gemeinde sind aber mindestens zehn erwachsene Männer notwendig, die nach jüdischem Ritus als "Minjan" zum Sabbatgebet anwesend sein müssen. Die Tatsachen, dass bereits auf dem Crainfelder Parzellhandriss von 1832 bereits der jüdische Friedhof verzeichnet ist und im Jahr 1842 erstmals ein Haus in Crainfeld gekauft und zu einer Synagoge umgebaut wurde, sprechen dafür, dass die Gemeinde schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestand. Die jüdische Gemeinde Crainfeld war weithin als eine besonders streng orthodoxe Gemeinde bekannt. Der Gottesdienst, zu dem nur Männer zugelassen waren, durfte nur in hebräischer Sprache gehalten werden. Die Mitglieder der "Israelitischen Religionsgemeinde", so die offizielle Bezeichnung, wählten den Gemeindevorstand und auch den durch die Gemeinde selbst besoldeten und von auswärts hierher berufenen Lehrer. Die jüdischen Lehrer unterrichteten die Kinder in der Religion und waren als Kantor bzw. Vorbeter tätig. Im Jahr 1901/02 betrug das Gehalt des Lehrers 80 Mark jährlich, wovon 92 Mark aus der Kasse der politischen Gemeinde zugeschossen wurde. Zu diesem Zuschuss war die Gemeinde trotz starken Protests seit dem 11.12.1878 verpflichtet. Mit dem Lehreramt war auch das Schächteramt verbunden. Es dürfte äußerst interessant sein, dass der Rechner der jüdischen Gemeinde vor 1914 ein Nichtjude war, nämlich der örtliche Zimmermeister Johannes Fritz ("Schefferjes"), der zugleich auch noch der Rechner der christlichen Kirchengemeinde war. Die jüdische Gemeinde Crainfeld war dem orthodoxen Hessischen Landesverband Israelitischer Religionsgemeinden in Mainz angeschlossen.

Im Jahr 1924 bildeten Jakob Stein ("Feistjes"), Hermann Lind ("Itzigs"), Nathan Sommer ("Nathans"), Alexander Sommer ("Abrahams") und Albert Zimmermann ("Götzjes") den Vorstand der damals noch 50köpfigen Gemeinde. Der jüdische Religionsunterricht wurde durch den Lehrer Adolf Bauer aus Gedern erteilt, der diese Tätigkeit auch noch für mehrere andere jüdische Landgemeinden in der Umgebung von Gedern verrichtete. An jüdischen Crainfelder Vereinen bestanden der Männerverein "Chewroh Kadischa" unter dem Vorsitz von Maier Stern ("Maiersch") und der "Israelitische Frauenverein" unter der Leitung von Auguste Strauß ("Moadjes"). Beide waren Wohltätigkeits- und Bestattungsvereine. Der Männerverein dürfte sogar zu den ersten Vereinen im Dorf überhaupt gezählt haben. 1932, im Jahr vor der "Machtübernahme" der NSDAP, bestand der Gemeindevorstand aus dem Vorsitzenden Manfred Sommer ("Nades"), Max Stein ("Koppels") und Leopold Sommer I. ("Leebs"). Im Schuljahr 1931/32 nahmen noch elf Kinder am jüdischen Religionsunterricht teil.

Wegen der vergleichsweise geringen Schülerzahl und einiger nicht vermögender Eltern konnte sich die jüdische Gemeinde keine eigene Schule leisten. Alle jüdischen Kinder besuchten daher die örtliche Volksschule, hatten aber am Samstag (Sabbat) zum Besuch des Gottesdienstes von 8 bis 10 Uhr schulfrei. Anschließend mussten sie wieder in die Schule, durften aber nicht zum Zeichnen, Schreiben oder schriftlichen Rechnen angehalten werden, die nach jüdischem Religionsgesetz als "Arbeit" definiert und daher am Sabbat verboten sind. Wegen der Schule kam es zu häufigen Streitigkeiten zwischen der jüdischen Religionsgemeinde und der politischen Gemeinde Crainfeld. im Jahr 1840 verlangte letztere für die Unterrichtung der jüdischen Kinder einen Beitrag zur Lehrerbesoldung und den Schulkosten, doch legte die oberste Schulbehörde fest, dass die Kinder der Juden kein besonderes Schulgeld zu entrichten hatten. Nach dem Bau des neuen Crainfelder Schulhauses im Jahr 1907 wurde dieses von dem damaligen Bürgermeister Heinrich Schmalbach IV. auch der jüdischen Gemeinde zur Abhaltung ihres Religionsunterrichts an jedem Mittwochnachmittag ab drei Uhr zur Verfügung gestellt. Jedoch weigerte er sich, auch für die jüdischen Kinder aus Bermuthshain, Grebenhain und Nieder-Moos einen Raum zu stellen, es sei denn, deren Eltern würden hierfür einen noch festzusetzenden Beitrag zahlen. Wohl aufgrund der wieder zurückgehenden Kinderzahlen wurde in den 1920er und 1930er Jahren ein Raum im Synagogengebäude für den religiösen Unterricht benutzt.

Das Verhältnis zwischen der evangelischen Pfarrgemeinde und der jüdischen Gemeinde war oftmals von Konflikten überschattet, wobei auch von antijüdischen religiösen Vorbehalten des jeweiligen Pfarrers auszugehen ist. Im Jahr 1907 erstattete der damalige Pfarrer Walter Anzeige gegen den jüdischen Religionslehrer, weil dieser während einer Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof eine dem evangelischen Pfarrer ähnliche Amtstracht getragen hatte. In der zweiten Instanz wurde der jüdische Lehrer am 26.10.1908 vom Oberlandesgericht Darmstadt zu einer Geldstrafe von 5 Mark verurteilt, da die Amtskleidung evangelischer Geistlicher ähnlich wie bei öffentlichen Beamten gesetzlich geschützt war und jüdische Religionslehrer nach einem Gutachten des Rabbiners Dr. Max in Darmstadt außerhalb der Synagoge überhaupt keine Amtstracht tragen durften. Um den Standort und die Gestaltung des Crainfelder Kriegerdenkmals nach dem Ersten Weltkrieg entzündeten sich ebenfalls Auseinandersetzungen. So hatte die evangelische Pfarrei offensichtlich zunächst an eine Gedenktafel in der Kirche gedacht, was aber wegen der jüdischen Gefallenen nicht zu realisieren war. Nur deswegen entschloss man sich in Crainfeld, wie dies in anderen Orten selbstverständlich war, zum Bau eines Denkmals, das ursprünglich auf dem Kirchhof stehen sollte, welches aber von der Denkmalschutzbehörde abgelehnt wurde. So wählte der Crainfelder Denkmalausschuss einen Standort an der Cent. Infolge nicht näher bezeichneter "Missstimmigkeiten" traten der Pfarrer und die beiden Lehrer aus dem Ausschuss aus. Erst ein Jahr nach der Setzung des Gedenksteins erfolgte die Einweihung unter Beteiligung des Pfarrers. Die Einweihungsrede hielt jedoch der jüdische Lehrer Stern und wurde vom damaligen Pfarrer Frank in der Kirchenchronik als "Entgleisung" kritisiert, da Stern darin den französischen Kaiser Napoleon gefeiert habe, der 100 Jahre zuvor (1821) verstorben war.

Das Verhältnis zwischen der christlichen Bevölkerungsmehrheit und der jüdischen Minderheit war im Ganzen gesehen gut, wenn auch nie ganz konfliktfrei, insbesondere nicht während der Hochzeit der antisemitischen Bewegung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die jüdischen Familien gehörten zur Crainfelder Dorfgemeinschaft, wenn auch die jüdische Gemeinde aufgrund der religiösen Unterschiede und der geschichtlichen Entwicklung immer einen gesonderten Bestandteil darstellte. So nahmen beispielsweise jüdische Frauen an den üblichen Strickkränzchen bzw. Spinnstuben nicht teil. Völlig undenkbar waren aufgrund der ganz anders gearteten gesellschaftlichen Weltbilder Heiraten zwischen Christen und Juden. Dennoch waren die jüdischen und christlichen Familien aufeinander angewiesen. Die Stellung Crainfelds als lokaler Mittelpunkt von Handel und Gewerbe wäre nicht denkbar gewesen ohne die zahlreichen jüdischen Viehhändler und Geschäftsleute. Fast alle Kaufläden im Ort wurden von jüdischen Einwohnern betrieben, die wiederum ohne die christliche Bevölkerung als Kunde nicht lebensfähig gewesen wären. Wie zwischen den christlichen Familien selbst war auch im Kontakt mit den jüdischen Familien die gegenseitige Nachbarschaftshilfe selbstverständlich. So war es gebräuchlich, dass die christliche Nachbarin der jüdischen Hausfrau am Sabbat, in der Umgangssprache "Schabbes" genannt, morgens das Feuer im Herd anzündete und im Haushalt tätig war. Die wohlhabenderen jüdischen Familien beschäftigten ein eigenes christliches Dienstmädchen, eine so genannte "Schabbesmagd". Die jüdischen Männer gehörten ganz selbstverständlich auch den örtlichen Vereinen wie dem 1884 gegründeten Männergesangverein "Liederkranz" an und beteiligten sich an den örtlichen Festen.

 

Christliche und jüdische Kinder beim gemeinsamen "Ringelreigen" vor "Hofmanns" an einem Sonntag im Oktober 1927. Von links nach rechts: Marie Ruhl ("Michelhennerjes"), Berta Sommer ("Affremjes"), Lina Baumbach ("Miechels"), Ottile Rausch ("Schmieds"), Elise Herchenröder ("Götzjes"), Erna Eifert ("Ratzpetersch"), Frieda Beyer ("Kühhirts"), N.N., Herta Sommer ("Affremjes"), Marie Dahmer ("Raubersch").
 

Besonders eng waren natürlich die freundschaftlichen Beziehungen zwischen direkt benachbarten jüdischen und christlichen Familien, die in manchen Fällen auch nach der erzwungenen Emigration aufrecht erhalten wurden. Alltäglich war auch das gemeinsame Spiel der jüdischen und christlichen Kinder, die ja auch zusammen die örtliche Volksschule besuchten. Obwohl die beiden Gemeinschaften in religiösen Angelegenheiten meist unter sich blieben, fanden einige große jüdischen Feste auch bei den übrigen Einwohnern Crainfelds Anklang. Hierunter war beispielsweise die Weihe einer neuen Thora-Rolle, ein äußerst seltenes Ereignis, am 20.10.1899. Die Sefer-Thora wurde vom Haus des jüdischen Gemeindevorstehers Emanuel Stern ("Maiersch") wurde in einem Festzug zur geschmückten Synagoge gebracht. Ausdrücklich vermerkte der "Lauterbacher Anzeiger", dass dieses Fest nicht nur von vielen auswärtigen Juden, sondern auch von Christen besucht war. Am Abend fanden dann im (nichtjüdischen) Gasthaus "Zur Eisenbahn" ein Konzert statt und am darauffolgenden Tag noch ein Festkommers mit Ball.

Ein gesellschaftlicher Höhepunkt im jährlichen Leben der Gemeinde war auch der jährlich stattfindende "Judenball" im Gasthaus "Zum Hessischen Hof", zu dem sich Angehörige jüdischer Gemeinden aus nah und fern einfanden. Dieser war einer der wenigen Gelegenheiten für die jüdischen Jugendlichen, gleichaltrige Glaubensgenossen und damit zukünftige Ehepartner kennenzulernen. Der Ball wurde jedoch auch von Christen besucht.

Während des ersten Weltkrieges hatte die jüdische Gemeinde Crainfeld insgesamt sieben Gefallene zu beklagen. Davon stammten drei aus Crainfeld selbst, vier aus Grebenhain und einer aus Bermuthshain. Ihre Namen sind bis heute auf den Kriegerdenkmalen der jeweiligen Orte vermerkt. Bei der Einweihung des Crainfelder Kriegerdenkmals im Jahr 1921 sprach der damalige jüdische Lehrer Stern die Einweihungsrede und übergab das Denkmal an die Gemeinde.

 

Gefallene aus der jüdischen Gemeinde Crainfeld 1914-1918

 
Datum Name Ort
26.8.1914 Benjamin Lind Bermuthshain
  13.5.1915 Abraham Weinberg Grebenhain  
  18.5.1915 Gustav Sommer Grebenhain  
  25.9.1915 Leopold Zimmermann Grebenhain  
  23.11.1915 Leopold Sommer II. Crainfeld  
  21.7.1917 Leopold Stein Crainfeld  
  28.8.1917 Gustav Sommer Crainfeld  
  
Die stärkste Beeinträchtigung im ansonsten meist friedlichen Nebeneinander zwischen Juden und Christen in Crainfeld vor 1933 wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch die antisemitische Bewegung verursacht. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft im gesamten heutigen nord- und mittelhessischen Raum war gegen Ende des 19. Jahrhundert von einer großen wirtschaftlichen Krise betroffen. Das Kredit- und Genossenschaftswesen war noch unzureichend entwickelt und viele Landwirte waren bei den zumeist jüdischen Land- und Viehhändlern hoch verschuldet. Die mittelständische, agrarische und antikapitalistische Propaganda der Antisemiten, die in den Juden die Hauptnutznießer der als Bedrohung empfundenen neuen liberalen Wirtschaftsordnung sah, stieß daher auf große Resonanz. 1887 zog der Antisemit Otto Böckel nach dem Wahlsieg im preußischen Wahlkreis Marburg-Kirchhain für die Antisemiten in den Reichstag ein. Vom preußischen Kurhessen breitete sich die Böckelbewegung auch in die benachbarte hessische Provinz Oberhessen aus. Ihre Erfolge in Oberhessen waren keineswegs singulär, sondern geradezu typisch für ähnlich strukturierte ländliche Gebiete im heutigen Hessen. Bei den Reichstagswahlen 1890 siegte der Antisemit Oswald Zimmermann im Wahlkreis Alsfeld-Schotten-Lauterbach mit einer Mehrheit mit 70,5%. 1893 folgte ihm Friedrich Bindewald, der im Landkreis Lauterbach mit 54,2% für die Antisemiten errang. Bindewald sollte bis zur Reichstagswahl 1912 der Reichstagsabgeordnete des Wahlkreises bleiben. Die in sich häufig zerstrittene antisemitische Bewegung trat unter verschiedenen Bezeichnungen an: 1890, 1893 und 1898 als "Antisemitische Volkspartei", 1903 als "Deutsch-Soziale Reformpartei", 1907 als "Deutsche Reformpartei" und 1912 als "Wirtschaftliche Vereinigung". Nach dem ersten Weltkrieg ging sie in dem 1919 gegründeten Hessischen Bauernbund (ab 1927 Hessischer Landbund) auf. Diese Partei war die dominierende politische Bewegung bis zum Aufkommen der Nationalsozialisten. Die antisemitischen Parteien errangen in den Vogelsbergdörfern vor dem ersten Weltkrieg stets überragende Wahlerfolge. In Crainfeld konnten sie 1890 159 von 291 Stimmen und 1898 79 von 101 Stimmen sowie noch einmal 1907 74 von 124 Stimmen erringen, unterlag jedoch dann meist knapp den Nationalliberalen.
 

Dieser polemische antisemitische Zeitungsartikel erschien etwa zwei Monate nach dem Novemberpogrom am 3.1.1939 im "Lauterbacher Anzeiger" und beschrieb die Vorgänge um den jüdischen Crainfelder Viehhändler David Sommer III. in den 1880er Jahren.
 
Die antisemitische Agitation führte nachweislich auch in Crainfeld zu deutlichen Spannungen im Verhältnis zwischen Christen und Juden. Es ist überliefert, dass Otto Böckel, der äußerst populäre Gründer der Antisemitenbewegung, einmal seinen Anhängern in Crainfeld versprochen hatte, den Ort zu besuchen. Da dies jedoch nicht geschah, wagte es dann ein ein Jude, sich als "Böckel" zu verkleiden und in Crainfeld "Einzug" zu halten, was einige Crainfelder Böckelanhänger dazu veranlasste, es ihm mit Prügel heimzuzahlen. In den 1880er Jahren wurde an dem Haus des unter der christlichen Bevölkerung besonders verhassten Viehhändlers und Geldverleihers David Sommer III. (späteres Haus "Schneiderjes") am nördlichen Ortsende an der Cent, der als sogenannter "Güterschlächter" galt und beschuldigt wurde, bäuerliche Familien durch Kredite in den Ruin getrieben zu haben, die Fensterscheiben eingeworfen. David Sommer III. verließ wenig später den Ort und zog nach Schlüchtern. Er wurde schließlich des Wuchers und Betrugs angeklagt und beging im Gefängnis Selbstmord. Zeitweise sollen sogar jüdische Geschäfte in Crainfeld von den christlichen Dorfbewohnern boykottiert worden sein. Die antisemitische Bewegung wurde später auch von den Nationalsozialisten als einer ihrer Vorläufer betrachtet.
 

Der ehemalige Standort (heute Carport) der Crainfelder Synagoge im August 2005. Links die alte Schule.

 

Die Crainfelder Synagoge

Mit Sicherheit hielt die jüdische Gemeinde Crainfeld schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts regelmäßige Gottesdienste ab, die wahrscheinlich in jüdischen Privathäusern stattfanden, wie dies bei vielen sehr kleinen jüdischen Landgemeinden anfangs üblich war. Im Jahr 1842 kaufte die Gemeinde dann ein bereits bestehendes Haus, das sie zur Synagoge umbauen und einrichten. Es handelte sich dabei bereits um ein reines Wohnhaus von zwei Stock, das zuvor dem Leinweber Johann Heinrich Bachmann gehört hatte. Standort war eine Seitengasse der heutigen Kreuzstraße, gelegen zwischen der Hofreite "Jeckels" und dem Edelhof, in unmittelbarer Nachbarschaft zum damaligen Schulhaus. Den Betrag von 355 Rthl. für den Kauf und etwa 150 Rthl., die für den Umbau nötig waren, brachten die Gemeindemitglieder selbst und durch ein Darlehen auf. Das Gebäude diente nahezu vier Jahrzehnte als Synagoge, bis die jüdische Gemeinde dann 1885 an gleicher Stelle eine neue Synagoge erbauen konnte, die von vornherein für diesen Zweck geplant war. Ermöglicht wurde dies durch eine Stiftung von 300 fl. aus dem Vermächtnis des Kommerzienrates Heinemann in Kopenhagen, welcher testamentarisch 25.000 Taler zur Erbauung neuer jüdischer Synagogen und Mikwaot (Mehrzahl von Mikweh) gestiftet hatte.

Die neue Crainfelder Synagoge, von der bis heute kein detailliertes Bild vorliegt, war ein freistehendes verschindeltes Fachwerkgebäude mit einer Grundfläche von etwa 6 x 8 Metern auf dem 87 qm großen Grundstück der Vorgängerhofreite. Sie hatte ein Satteldach mit der Traufseite zur Straße und einen Eingang an der Giebelseite. Das Gebäude umfasste den Synagogensaal mit Empore und zwei Stuben, von denen die eine für den religiösen Unterricht der Kinder und für Aufgaben der Gemeinde diente, während das zweite Zimmer an eine Frau vermietet war. Für die Plätze in der Synagoge hatte jedes Gemeindemitglied ein Standgeld zu entrichten, das für die auswärtigen Juden aus Bermuthshain, Grebenhain und Nieder-Moos pro Jahr 4,20 Mark betrug. Die Inneneinrichtung bestand aus einem Thoraschrein, einem Predigtpult (Kanzel), einem Betpult für den Rabbiner, einem Betpult für den Vorbeter (Kantor) und Gestühl für 57 Mitglieder. An der Traufseite zur Straße hin befanden sich zwei große rechteckige Fenster mit Rundbogenabschluss für den Synagogensaal. Sie trugen mit dazu bei, dass die Synagoge auch äußerlich als solche zu erkennen war.

Wie alle Crainfelder Häuser verfügte auch das Synagogengebäude seit 1921 über elektrisches Licht. Erwähnenswert ist, dass der Lichtschalter in der Synagoge aus religiösen Gründen während des Sabbats nicht von einem Mitglied der jüdischen Gemeinde betätigt werden durfte, da dies als Arbeit angesehen wurde, welche an einem Sabbat verboten ist. Daher betätigten in der Regel christliche Nachbarskinder gegen ein kleines Entgelt den Lichtschalter. Zum Sabbatgebet kamen jüdische Männer aus der gesamten Umgebung nach Crainfeld in die Synagoge und prägten an diesem Tag das Bild der Crainfelder Ortsstraßen. Wie bei orthodoxen Synagogen üblich, wohnten die jüdischen Frauen dem Gottesdienst, der nur in hebräischer Sprache gehalten wurde, getrennt von den Männern von der Empore der Synagoge aus bei.

Im Jahre 1932 wurde das Gebäude für 1.600 RM renoviert. Im Zuge der Auflösung der Gemeinde im Jahr 1936 wurde der Verkaufswert der Synagoge vom Gemeindevorstand auf 1.500-2.000 RM geschätzt. Eine Besichtigung durch den Landesverband ergab zudem, dass "das Gebäude noch in sehr gutem Zustand sei und bequem in ein Wohnhaus umgebaut werden könne". Im Widerspruch dazu bezeichnete ein Protokoll vom 11.10.1937 die Synagoge, wozu ein zweitüriger Schrank gehörte, als "abbruchreif". Nach der Übergabe des Gemeindevermögens an den Landesverband wurde der Einheitswert der Synagoge mit 690 RM angegeben. Während der Pogromnacht vom 9.11.1938 wurden an der leerstehenden Synagoge von SA-Leuten die Fenster und Türen eingeschlagen und im Innenraum das Gestühl zerstört. Das Gebäude wurde nur deswegen nicht in Brand gesteckt, wie eigentlich beabsichtigt, weil es direkt an das Nachbarhaus "Jeckels" angrenzte. Die Kultgegenstände aus der Synagoge waren bereits zuvor nach Gießen in die dortige orthodoxe Synagoge gebracht, dort aber ebenfalls während der Pogromnacht vernichtet worden. Die Schäden am Gebäude wurden später auf 25-30% beziffert, das Gebäude war aber noch in gutem Zustand.

Die Synagoge wurde 1941 von dem Nachbarn Karl Jöckel gekauft und stand bis 1947 leer. Bereits zum Zeitpunkt des Verkaufes war der Abriss des Gebäudes beschlossene Sache und wurde allein durch den Zweiten Weltkrieg verzögert. Im Jahr 1951 wurde die Synagoge vom Erstkäufer, der jahrelang mit der "Jewish Restitution Successor Organization" (JRSO), vertreten durch die Jüdische Treuhandgesellschaft in Fulda, wegen der Wiedergutmachung prozessierte, abgebrochen. An der Stelle des ehemaligen Synagogengebäudes wurden später Garagen errichtet, die inzwischen aber auch wieder abgerissen sind. Da auch das alte Haus "Jeegels" 1973 abgebrochen wurde, ist die frühere bauliche Situation nicht mehr zu erkennen. Vor Ort erinnert heute nichts mehr an die Crainfelder Synagoge. Eine Hinweis- oder Gedenktafel, wie andernorts längst üblich, ist nicht vorhanden.

  

Das rituelle Tauchbad (Mikweh)

Jede traditionsbewusste jüdische Gemeinde verfügt über ein rituelles Tauchbad, eine sogenannte Mikweh. Sie kann in einem Keller oder in einem eigens hierfür errichteten Badehaus untergebracht sein und ist für eine jüdische Gemeinde fast noch wichtiger als eine Synagoge, da ein Gottesdienst am Sabbat auch in einem Privathaus abgehalten werden kann. Zweck des Besuchs einer Mikweh ist nicht das Erlangen hygienischer, sondern allein ritueller Reinheit.  Nach jüdischer Tradition müssen verheiratete Frauen monatlich einmal nach Menstruation oder Entbindung eine Mikweh aufsuchen. Das reinigende Wasser muss aus Quell-, Grund- oder Regenwasser bestehen und verliert seine Wirkung, wenn es in ein Gefäß geschöpft wird. Auch neu angeschaffte Kultgegenstände müssen vor ihrer Benutzung in einem Kultbad gereinigt werden. In orthodoxen Gemeinden, wie es die Crainfelder war, wird die Mikweh auch von Männern vor Beginn des Sabbats oder von Feiertagen zum Untertauchen benutzt. Eine der ältesten und am besten erhaltenen Mikwaot ist das im Jahr 1260 in Friedberg gebaute romanische "Judenbad".

Im Jahr 1879 errichtete die jüdische Gemeinde Crainfeld aus Mitteln der Stiftung des bereits erwähnten Kommerzialrats Heinemann eine Mikweh, nachdem sie bereits am 19.6.1869 ein Gründstück in der Märzwiese zum Preis von 120 fl. erworben hatte. Zuvor hatte sich das rituelle Tauchbad in einem Keller befunden, möglicherweise dem eines Privathauses. Die Crainfelder Mikweh wurde im Volksmund und auch amtlich im Brandkataster "Badehaus" genannt. Dieses Badehaus war ein sehr kleiner Fachwerkbau mit nur 1 x 2 Metern Grundfläche und steinernem Fundament. Es enthielt das eigentliche Tauchbecken, einen Ofen zur Heizung und einen Wasserabfluss zum Mühlgraben. Das Wasser zum Gebrauch im Bad wurde ebenfalls dem Mühlgraben entnommen, was bei den zuständigen Behörden auf nicht geringe hygienische Bedenken stieß.

Der Standort der Mikweh befand sich am Ende der kleinen Seitengasse zwischen den Hofreiten "Brandeweis" und "Jeckels", etwa 100 m von der Synagoge entfernt. Im Jahr 1910 wurde das Badehaus auf Anordnung des orthodoxen Provinzialrabbiners Dr. Hirschfeld in Gießen neu wiederhergestellt, wobei sich die Kosten auf 745 RM beliefen. 1935 erfolgte im Rahmen der Flurbereinigung die Neuanlage des heutigen Märzwiesenweges. Das "im Weg stehende" Badehaus wurde abgebrochen. Da der Abbruch bereits in die NS-Zeit fiel, ist jedoch auch eine politische Motivation nicht auszuschließen. Heute ist der Standort der ehemaligen Mikweh vom Straßenasphalt bedeckt und von dem kleinen Badehäuschen nichts mehr zu erkennen.

Über den jüdischen Friedhof, der mindestens schon seit 1820 bestand, wird auf einer gesonderten Seite berichtet.

 

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