|
Die Pfarrei Crainfeld |
|
Entstehung und urkundliche Ersterwähnung Die Christianisierung des Vogelsberges wird auch heute noch häufig mit dem Namen des hl. Bonifatius verbunden. Der Erzbischof von Mainz und Begründer des Klosters Fulda war auf seiner letzten Missionsreise nach Friesland am 5.6.754 erschlagen und seine sterblichen Überreste anschließend von Mainz über den Vogelsberg nach Fulda transportiert worden, wo sie im heutigen Dom ihre letzte Ruhe fanden. Aufgrund mündlicher Überlieferung und mittelalterlicher christlicher Volksfrömmigkeit blieb die Erinnerung an den Leichenzug und die Rastplätze des Zuges lange lebendig. Nach dem heutigen Forschungsstand erfolgte die Überführung des Leichnams von Bonifatius nicht über Crainfeld, sondern (betreffend das Gebiet der heutigen Großgemeinde Grebenhain) über die Bonifatiusquelle (heutige Meyerbruchquelle) und die "Burg" im Oberwald, den Klöshorst zwischen Grebenhain und Ilbeshausen und den Vaitshainer Berg und Heerhain in der Gemarkung von Nösberts-Weidmoos. Es gilt heute als äußerst unwahrscheinlich, dass sich Bonifatius zu seinen Lebzeiten jemals zum Zweck der Bekehrung der Einheimischen im Vogelsberg aufgehalten hat. Sein Wirkungsfeld lag eher in Nord- und Osthessen um das Bistum Büraburg (bei Fritzlar) und das Kloster Fulda. Der Raum des Vogelsberges stand dagegen unter dem Einfluss iroschottischer Mönche, an deren Tätigkeit heute noch der Name der Vogelsbergstadt Schotten erinnert. Natürlich ist auch zu berücksichtigen, dass der Vogelsberg zur Zeit des Bonifatius noch fast "menschenleer" war und die Besiedlung erst im 8. und 9. Jahrhundert begann. Die Siedlungstätigkeit und die kirchliche Erfassung der Vogelsbergregion gingen miteinander einher. Kirchspielsgründungen wie im Fall von Crainfeld im 11. Jahrhundert sind zugleich auch Indizien für den zunehmenden Landesausbau, da die Gründung neuer Dörfer eine Verbesserung der Seelsorge bedingte. Die Neusiedler waren längst Christen. Ob und in welcher Form der Raum Crainfeld vor Beginn des 11. Jahrhunderts schon kirchlich erfasst war, ist nicht bekannt. Als ältester schriftlicher Hinweis über die Gründung einer Pfarrei im hohen Vogelsberg gilt eine nur kopial überlieferte Fuldaer Urkunde aus dem Jahr 885, nach welcher eine Kirche zu "Slierefa" gegründet wurde. Der Ort wurde lange Zeit mit Altenschlirf (heute Stadtteil von Herbstein) gleichgesetzt; neuere Forschungen identifizieren ihn jedoch eher mit dem heutigen Bad Salzschlirf. Es ist auch nicht klar, ob der hohe Vogelsberg im Gebiet der heutigen Großgemeinde Crainfeld in eines dieser älteren Nachbarkirchspiele einbezogen war. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts errichtete dann aber die Reichsabtei Fulda unter Mitwirkung des Mainzer Erzbischofs Erkanbald, der zuvor selbst Abt in Fulda gewesen war, die beiden Pfarreien Wingershausen und Crainfeld, als deren Gründungsdaten im Codex Eberhardi (um 1160) des Klosters Fulda die Jahre 1016 und 1020 überliefert sind. Das Jahr 1020 galt daher lange als "Geburtsjahr" des Kirchspiels Crainfeld und wurde auch zur Grundlage von Jubiläumsfeiern in den Jahren 1920 und 1970 (Die Jubiläumsfeier 2011 stützte sich stattdessen auf die verlorene Originalurkunde). Die nicht im Original erhaltene, sondern nur im Codex Eberhardi überlieferte Urkunde nennt die Grenzen und Grenzpunkte der Pfarrei, die bei ihrer Gründung mit einer Hube in Burkhards und dem Zehnten in Schwickartshausen ausgestattet wurde: |
|
De dedicatione et terminatione ecclesie in Creinfelt. Anno
ab incarnatione domini millesimo XX., indicatione II., dedicta est ecclesia in
Creinfelt ab Erkenbaldo Mogantino archiepiscopo in honore sancti Odalrici
episcopi et con(fessoris). Et hic est termincus eiusdem ecclesie: De Musesprinc sursum usque ad Berhtoltessneite; inde ad fontem sancti Bonifacii; inde ad Hasenbach; inde usque ad Hasalaha; deinde in Slirefam fluvium; deinde usque ad Nortenhouh; inde usque ad Steigeram; inde ad Holesbergen; inde Mosaha; sursum usque ad Mosursprinc. Dodata est eadem ecclesia cum huba in Burchartesrode et cum decimatione, que in Suigereshusen datur. |
| Quelle: Heinrich Meyer, Der Codex Eberhardi des Klosters Fulda, Marburg 1995, S.326 |
|
Das im Codex Eberhardi überlieferte Gründungsjahr 1020 der
Kirche zu Crainfeld muss jedoch als fraglich gelten, da ein etwas anderer Text der
Urkunde noch in dem im Dreißigjährigen Krieg vernichteten Pistorius-Kartular der
Abtei Fulda überliefert wurde. Diese bringt zum gleichen Text der
Grenzbeschreibung und Dotierung der Pfarrei noch die Angabe, dass die Kirche
geweiht worden sei, als Erkanbald Erzbischof von Mainz und Abt von Fulda
war. Demnach müsste die Pfarrei in dem Jahr gegründet worden sein, in dem
Erkanbald als Abt von Fulda zum Erzbischof von Mainz gewählt wurde, nämlich
im Jahr 1011 (eventuell auch noch 1012). In jedem Fall ist die Gründung des Kirchspiels Crainfeld wie die der
zur selben Zeit gegründeten Pfarrei Wingershausen (heute Stadtteil von
Schotten) als Folge des
hochmittelalterlichen Landesausbaus zu betrachten und ein direkter
Zusammenhang zwischen Rodungstätigkeit und Kirchengründung anzunehmen. Die in der Urkunde von 1011 beschriebene Kirchspielsgrenze begann an der Quelle der Moos, dem Moosborn, zog dann zur Bertholdsschneise nördlich von Bermuthshain etwa im Gebiet der späteren Wüstung Schershain, dann zum Bonifatiusbrunnen, der heutigen Meyerbruchquelle im Oberwald, und von dort in östlicher Richtung zum Hasenbach (Schwarzer Fluss bei Ilbeshausen). Von dort verlief die Grenze zunächst entlang der Altfell im Gebiet der Disselbrücke nördlich von Ilbeshausen, dann über den Herhain und die Heitz bei Nösberts zum Steiger zwischen Heisters und Zahmen. Ab da zog der Grenzverlauf in südlicher Richtung über den Horst bei Gunzenau und entlang der Moos bis zu seinem Ausgangspunkt zurück. Das innerhalb dieser Grenzen liegende Kirchspiel Crainfeld war bis 1524 das größte Kirchspiel im südöstlichen Vogelsberg. Es umfasste das Gebiet der heutigen Pfarreien Crainfeld. Nieder-Moos und Ilbeshausen bzw. des hessischen Gerichts Crainfeld und des riedeselischen Gerichts Moos sowie Teile des riedeselischen Gerichts Altenschlirf. Bis zur Loslösung der Pfarrei Nieder-Moos im Jahr 1524 waren insgesamt 16 Dörfer nach Crainfeld eingepfarrt, nämlich Bannerod, Bermuthshain, Crainfeld, Grebenhain, Gunzenau, Heisters, Ilbeshausen, Metzlos, Metzlos-Gehaag, Nieder-Moos, Nösberts, Ober-Moos, Vaitshain, Weidmoos, Wünschenmoos und Zahmen. Zu diesen Orten sind auch noch die im späten Mittelalter wüst gewordenen Siedlungen wie Hirschrod und Kuhlhain in der Gemarkung Crainfeld oder Schershain in der Gemarkung Grebenhain zu rechnen, so dass die Crainfelder Kirche im Hochmittelalter die Mutterkirche von mehr als 20 Ansiedlungen und Siedlungsplätzen gewesen ist. |
|
Die Pfarrei Crainfeld im Mittelalter Im Jahr 1067 erhielt die durch Erzbischof Siegfried von Mainz gegründete Kirche zu Breungeshain (heute Stadtteil von Schotten) Zehntrechte in Crainfeld zugewiesen, wie aus der überlieferten Urkunde hervorgeht, die im übrigen die Ersterwähnung dieses Ortes darstellt: |
|
In nomine sancte et individue trinitatis. Noverint omnes Christi fideles tam futuri quam presentes, qualiter domnus Sigefridus sancte Moguntine ecclesie venerabilis archiepiscopus ecclesiam in loco, qui dicitur Bruningeshacho, constructam in honorem domini Jesu Christi et victoriosissime crucis et sancte Marie matris domini atque sanctorum Georgii martiris ac Martini confessoris dedicavit et matris ecclesie honore, iure ac privilegio sua preordinatione confirmavit. Insuper omnem decimam circaiacentium terrarum, quarum nomina hic infra subscripta videntur, nondum ab ullo antecessore suo alicubi atterminata sua episcopali auctoritate eidem ecclesie atterminavit. Sunt autem hec illorum, que atterminavit, locorum nomina: Creginfeilt, Slierapha, Wingereshuoson, Vocchenhagen, Giesenhachon cum omnibus ad eadem loca pertinentibus vicis ac villulis atque cum omnibus infra eorum ambitum iacentibus terris cultis atque colendis. Et ut huius terminationis auctoritas stabilis et inconvulsa omni permaneat evo, hanc cartam inde conscriptam domnus Sigefridus venerabilis archiepiscopus precepit fieri suique sigilli impressione, ut infra cernitur, insigniri. Actum est autem anno dominice incarnationis Mill. LXVII, indictione V, VIII. kal. Aprilis, regnante domno Heinrico rege quarto; in die nomine feliciter amen. |
|
Quelle: Manfred Stimmig: Mainzer Urkundenbuch 1. Die Urkunden bis zum Tod Erzbischof Alberts I. (1137), Darmstadt 1932, S.206 |
|
Demnach erhielt die Pfarrei Breungeshain den Zehnten im Gebiet der Orte
Crainfeld, Altenschlirf, Wingershausen, Vocchenhagen (Waldflur Fockenhain,
Gemarkung Betzenrod) und Giesenhachon (in der Nähe des Geiselsteins,
Gemarkung Lanzenhain). Diese Urkunde diente übrigens (ohne Kenntnis des
tatsächlichen Textes) als Grundlage für die 925-Jahr-Feier von Grebenhain im
Jahr 1992, die aber lediglich auf einem durch eine spätere Abschrift
entstandenen Lesefehler ("Grefenhachon" statt "Giesenhachon") beruhte.
Tatsächlich wurde Grebenhain nach dem heutigen Forschungsstand erst viel
später, nämlich im Jahr 1338, erwähnt. Interessant ist auch die Erwähnung
der zu diesem Zeitpunkt im Vogelsberggebiet bereits vorhandenen Besiedlung
in Form von Dörfern und Weilern ("vici ac villuli"). Wenig erforscht ist die Geschichte des Kirchspiels Crainfeld im späten Mittelalter. Aus mehreren Urkunden aus dem 14. Jahrhundert geht hervor, dass die Pfarrei Crainfeld damals sogar in der Wetterau begütert war, so besaß sie eine dem St. Nikolaus-Altar zu Crainfeld gehörende Korngülte (Abgabe) in Kilianstätten, die erstmals in einer Urkunde über den Verkauf einer Korngülte zu Kilianstätten durch Winter und Katherine von Rohrbach an Heinrich Cunenhan vom 2.4.1342 erwähnt wird. Einer weiteren Urkunde vom 19.4.1357 zufolge versetzte Ritter Winter von Rohrbach Land bei Kilianstätten als Unterpfand für eine Korngülte an die Pfarrei Crainfeld. Auch ein Crainfelder Pfarrer, Berthold Werner von Gelnhausen, erscheint im 14. Jahrhundert mehrfach in Wetterauer Urkunden. Er wird erstmals in einer Urkunde von 1361 erwähnt, die zugleich die erste schriftliche Erwähnung eines Crainfelder Pfarrers überhaupt darstellt. Nicht nur für die Geschichte der Pfarrei, sondern auch des Gerichts Crainfeld und seiner Bewohner aufschlussreich, ist eine in deutscher Sprache verfasste Urkunde der Kirche zu Crainfeld über den Verkauf der zu ihrem Altar St. Nikolaus gehörenden Korngülte zu Kilianstätten an das Kloster Arnsburg vom 3.7.1396. Hierin werden nämlich als Zeugen genannt "Heincze czingrebe zu Creyenfeld, Fricke Weydeliche schultheisze daselbes, Hans Brockeman, Wiczil Geszer, Heyncze Rode von Elbenshusen, scheffene auch dasselbis". |
|
Loslösung von Nieder-Moos und Reformation Noch während des Mittelalters wurden die zu Beginn des 11. Jahrhunderts gebildeten Großkirchspiele im Vogelsberg aufgeteilt. So wurden beispielsweise von dem einst 10 Dörfer umfassenden Kirchspiel Wingershausen bis 1681 nacheinander die drei Pfarreien Breungeshain, Herchenhain, Burkhards und Eschenrod abgespalten. Die Ursache für die Verkleinerung der Pfarreien lag vermutlich darin, dass der Pfarrer der jeweiligen Mutterkirche seinen weit ausgedehnten Bezirk nur ungenügend seelsorgerisch betreuen konnte. Im Fall des Kirchspiels Crainfeld hatte die 1524 erfolgte Abtrennung des gesamten Moosergrundes jedoch einen ganz konkreten politischen Anlass. Bis 1524 umfasste das Kirchspiel Crainfeld "grenzüberschreitend" sowohl Gebiete der Landgrafschaft Hessen als auch der Herrschaft der Riedesel zu Eisenbach. Die Kollatur (Einsetzung des Pfarrers) oblag bis zur Reformation der Reichsabtei Fulda. Im Jahr 1467 wurde bei einer Fehde zwischen den Riedeseln und dem Fuldaer Abt das Gericht Moos verwüstet und die Filialkirche bei Nieder-Moos zerstört. Das Gericht Moos wurde im Jahr 1482 wieder aufgerichtet. Der Wiederaufbau der Kirche bei Nieder-Moos unterblieb zunächst, und Gottesdienste wurden zunächst in der heute längst verschwundenen Kapelle in Metzlos abgehalten. Erst 1521 wurde die Nieder-Mooser Kirche, nach einem noch erhaltenen Schlussstein mit der Jahreszahl "1521", erbaut. Ihr Standort, wie höchstwahrscheinlich auch der der Vorgängerkirche, war der bis heute belegte Friedhof von Nieder-Moos, etwa 1 km südlich dieses Dorfes. Er ist wohl auch mit der in spätmittelalterlichen Urkunden genannten Wüstung Kirch-Moos zu identifizieren. Im September 1524 setzte Hermann Riedesel zu Eisenbach eigenmächtig den Nieder-Mooser Priester Walter Eschenröder (auch Schüßler genannt) als Pfarrer in Metzlos ein und ließ in Nieder-Moos, wo die neue Kirche inzwischen fertiggestellt worden war, eine Pfarrei einrichten. Damit war die Loslösung des gesamten Moosergrundes von der Crainfelder Mutterkirche vollzogen. Der damalige Crainfelder Pfarrer Ludwig Wagenhausen erhob sofort Widerspruch gegen die nach Kirchenrecht unzulässige Abtrennung von Nieder-Moos als eigener Pfarrei durch die Riedesel und schrieb am 13.3.1525 an Abt Johann II. von Fulda: |
| Wiewohl die nachbenamten 12 Orte mit Namen: Obermoß, Niedermos, Metzlos, Atzelgehaw, Windischmoos, Zamen, Heystrolfs, Bannerode, Steynfort, Noßbers, Wytmaß und Vogtshain zu der Pfarrkirche Kreynfeldt gehören und mich als Pfarrer gehabt, und dies über 400 Jahre der Fall, so untersteht sich Herr Walter Schüßler, Priester zu Moos wohnhaft, seines Vorgebens aus Vertröstung der ehrenfesten Junker Hermann und Theodor Riedesel in der Kapelle zu Metzlos, so doch zur Pfarrkirche zu Kreynfeld gehörig, zu amtieren und in den 12 Ortschaften eine Pfarrei herzurichten. |
| Quelle: Hermann Knodt: Beiträge zur Ortsgeschichte des Kreises Lauterbach, in: Geschichtsblätter für den Kreis Lauterbach, Januar/Februar 1916 |
|
Dieses Schreiben ist übrigens die einzige schriftliche Quelle, aus der
tatsächlich hervorgeht, dass die Dörfer im Moosgrund seit dem 11.
Jahrhundert immer zum Kirchspiel Crainfeld gehört haben. Interessanterweise
fehlt Gunzenau, das später eindeutig zu Nieder-Moos gehörte und ab 1630
sogar eine eigene Kapelle besaß, in der Aufzählung.
Alle Einsprüche sowohl des Crainfelder Pfarrers als auch des Fuldaer Abtes
blieben freilich vergeblich. Nieder-Moos blieb eine eigene Pfarrei im
Riedeselland und der dortige Pfarrer erhielt 1526 ein eigenes Kirchengut. Die
Abtrennung von Nieder-Moos beraubte die Pfarrei Crainfeld des größten Teils
ihres Gebietes, das fortan nur noch den Mutterort Crainfeld und die
Filialdörfer Grebenhain, Bermuthshain und Ilbeshausen umfasste und also mit
dem hessischen Gericht Crainfeld zusammenfiel. Von Nieder-Moos wurden bei der
Neugründung des Kirchspiels Altenschlirf im Jahr 1672 noch Nösberts und
Weidmoos gelöst. Der erste Nieder-Mooser Pfarrer Walter Eschenröder wurde
bereits 1528 im Zug der Einführung der Reformation im Riedeselstaat durch
den evangelischen Pfarrer Johann von Lindau ersetzt. Ab 1525 setzte Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen, der sich der protestantischen Lehre zugewandt hatte, in seinem Land die Reformation durch, die nach und nach in allen Pfarreien des Landes eingeführt wurde. Am 14.11.1527 wurde auch in Crainfeld der katholische Pfarrer Ludwig Wagenhausen seines Amtes enthoben, nachdem bei einer im selben Jahr durchgeführten Visitation festgestellt worden war, dass er in der Bibel sehr wenig Bescheid wusste. Erster evangelischer Pfarrer in Crainfeld wurde Andreas Nerzig. Die Einführung der Reformation im Kirchspiel Crainfeld war ein rein formaler "Verwaltungsakt". Inwieweit unter der Bevölkerung der Pfarrei vor 1527 bereits reformatorisches Gedankengut verbreitet war, lässt sich nicht mehr feststellen. Mit der Einführung der Reformation stand gleichzeitig die Besetzung der Pfarrstelle zu Crainfeld nicht mehr, wie seit der Gründung, dem Abt von Fulda, sondern dem Landgrafen von Hessen zu. |
|
Die Entwicklung seit der Reformation Schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde die Pfarrei Crainfeld durch den Dreißigjährigen Krieg und insbesondere die Zerstörung des Dorfes Crainfeld durch die Truppen Christians von Braunschweig am 1.6.1622. Sowohl die Kirche als auch das Pfarrhaus wurden ein Raub der Flammen. Im oberhessischen Kriegsschadensverzeichnis von 1625 wird der dem Pfarrer Philipp Dippelius zugefügte Schaden mit 1.082 Gulden angegeben. Dieser berichtete später (nach Friedrich Müller), "dass damals fast das ganze Dorf Crainfeld, auch das Pfarrhaus samt allem, was darinnen, in Asche gelegt worden sei, dass nicht das geringste sowohl von Kirchendokumenten als auch seinen eigenen Büchern übrig geblieben sei". Wahrscheinlich hat, wie in anderen hessischen Orten schon seit den 1580er Jahren infolge von Kirchenvisitationen vorgeschrieben, bereits Ende des 16. Jahrhunderts ein Crainfelder Kirchenbuch für Geburten und Taufen, Konfirmationen, Kopulationen (Eheschließungen) und Sterbefälle existiert. Dieses wurde wie alle anderen Kirchendokumente ein Raub der Flammen. Das älteste erhaltene Kirchenbuch wurde im Jahr 1659 von Pfarrer Johann Georg Köhler angelegt. Über den Dreißigjährigen Krieg sowie die Baugeschichte der Kirche wird an anderer Stelle dieser Seiten mehr zu berichten sein. Seit dem 20.5.1728 umfasste die einst so riesige Pfarrei Crainfeld neben dem Mutterort nur noch die beiden Nachbardörfer Grebenhain und Bermuthshain. An diesem Tag wurde der Filialort Ilbeshausen zu einer eigenständigen Pfarrei erhoben und demzufolge von Crainfeld abgetrennt. Alle Ilbeshausen betreffenden Seiten im Crainfelder Kirchenbuch wurden herausgetrennt und zu einem eigenen Ilbeshäuser Kirchenbuch zusammengebunden. Als erster Pfarrer von Ilbeshausen wurde Johannes Keyser, ein Enkel des gleichnamigen Crainfelder Pfarrers, geweiht. Das nur aus dem namensgebenden Ort gebildete Kirchspiel Ilbeshausen blieb bis 2005 eigenständig. Seither gehört es zum Kirchspiel Altenschlirf-Ilbeshausen-Schlechtenwegen, das von Altenschlirf aus verwaltet wird. Ausschlaggebend für die Erhebung von Ilbeshausen zur eigenen Pfarrei war wohl die weite Entfernung des abgelegenen Ilbeshausen zum Mutterort Crainfeld, der über eine Stunde Fußweg betrug. Vor allem im Winter war der Gang von Crainfeld nach Ilbeshausen auch für den Crainfelder Pfarrer, der alle 14 Tage Gottesdienst in Ilbeshausen zu halten hatte, sehr beschwerlich. In den folgenden zwei Jahrhunderten nach der Abtrennung von Ilbeshausen blieb es für das Kirchspiel Crainfeld bei drei Kirchspielsgemeinden, und zwar bis 1920. In diesem Jahr wurde, auf der Grundlage der Forschungen des ehemaligen Schlitzer Pfarrers und Heimatforschers Hermann Knodt und der Datumsangabe im Codex Eberhardi, das 900-jährige Jubiläum der Pfarrei Crainfeld festlich begangen. Die Festveranstaltung am 1.8.1920 begann morgens mit einem Gottesdienst durch Ortspfarrer Karl Frank und den Dekan Müller. Am Nachmittag führte der Oberpfarrer von Schlitz, der erwähnte Hermann Knodt, in einem Vortrag in die Geschichte des Kirchspiels ein. Im Rahmen der Jubiläumsfeier am 1.8.1920 wurde auch der Anschluss von Vaitshain als vierter Kirchspielsgemeinde an das Kirchspiel Crainfeld vollzogen. Vaitshain hatte bis dahin zur Pfarrei Nieder-Moos gehört, war aber von seinem Mutterort zu sehr abgelegen. Durch den Anschluss von Vaitshain wurde im Übrigen auch einer der bei der von den Riedeseln 1524 verfügten Abtrennung der Pfarrei Nieder-Moos verlorenen 12 Orte nach fast 400 Jahren wieder nach Crainfeld eingepfarrt. Ihrem Bekenntnis und der Liturgie nach ist die Pfarrei Crainfeld heute nicht mehr lutherisch, sondern "uniert". Dies ist eine Folge der Gründung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) im Jahr 1947. Die EKHN ist Rechtsnachfolgerin der 1933 gegründeten Evangelischen Landeskirche in Hessen und Nassau, welche kurz nach der Machtübernahme der NSDAP als Zusammenschluss der lutherischen bzw. reformierten Landeskirchen von Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel, Waldeck, Nassau und Frankfurt gebildet wurde. Als unierte Landeskirche ist ihre Liturgie eine Mischung aus lutherischem und reformiertem Bekenntnis. |
|
|