Der Crainfelder Herbstmarkt

 
Es ist heute kaum noch bekannt, dass Crainfeld einst einen eigenen Jahrmarkt besaß, der nahezu 320 Jahre lang, zwischen 1652 und 1973, abgehalten wurde. Dieser so genannte Crainfelder Herbstmarkt war einer der wichtigsten im hohen Vogelsberg und einer der ältesten dazu. Noch bedeutender und weitaus älter war nur der Herchenhainer Johannimarkt, umgangssprachlich "Kannsmärt", der schon vor dem Dreißigjährigen Krieg abgehalten wurde und dessen Entstehung auf die 1358 erfolgte Gründung einer Stadt und Burg zu Herchenhain durch Graf Gottfried von Ziegenhain und Abt Heinrich von Fulda zurückgeführt wird, da eine Stadtrechtsverleihung im Mittelalter stets das Marktrecht einschloss. Noch älter sind im Vogelsberggebiet nur noch die Jahrmärkte von Gedern (1358), Schotten (1354), Ulrichstein (1347) und Ortenberg (1266). In Herchenhain, das wie Crainfeld einst an der bedeutenden Handelsstraße Leipzig-Fulda-Frankfurt a. M. ("alte Frankfurter Straße") lag, wurden bis ins 19. Jahrhundert sogar vier Märkte abgehalten, deren bedeutendste der Walpurgismarkt (Mai) und eben der Johannimarkt (Juni) waren. Der Herchenhainer "Kannsmärt" galt als der "Hauptmarkt" des gesamten Vogelsberges und wurde z. B. 1846 durch 151 Wirte, 306 große und 449 kleine Krämer sowie mit 1356 Stück Rindvieh und 501 Schweinen beschickt beschickt. Händler und Marktbesucher kamen bis aus der Schwalm, der Wetterau und der Frankfurter Gegend. Selbstverständlich hatte dieses gewaltige Markttreiben auch eine gesellige Funktion, für die im Volksmund das Wort geprägt wurde "Wenn mer uns netz mehr sehn, sehn mer uns wieder de Herchenhainer Gehannesmeat".

Am 9.7.1652 verlieh Landgraf Georg II. von Hessen-Darmstadt dann dem Gerichtsvorort Crainfeld urkundlich das Privileg zur Abhaltung eines eigenen Marktes am 29. und 30. August jeden Jahres, nachdem die vier Gerichtsorte Crainfeld, Grebenhain, Bermuthshain und Ilbeshausen ein entsprechendes Gesuch um Abhaltung eines Jahrmarktes gestellt hatten. Es ist zu vermuten, dass der Wunsch nach einem solchen Markt vor dem Hintergrund des zu diesem Zeitpunkt gerade vier Jahre beendeten Dreißigjährigen Krieges zu sehen ist. In der Marktrechtsurkunde, die heute in der Hohhausbibliothek Lauterbach aufbewahrt wird, heißt es:

 
Von Gottes Gnaden Wir Geörg, Landgraf zu Hessen, Graf zu Catzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain, Nidda, Isenburg, Büdingen, thun kund hiermit Öffentlich vor uns unserer Erben und Nachkommen, Fürsten zu Hessen gegen jedermänniglich bekennende, daß wir auf unser Unterthanen und sämtlicher Gemeinden des Gerichts Crainfeld unterthäniges ansuchen und bitten ihnen auf sonderehren Gnaden auch umb Besserung meinen Mühens und Wohlfahrt willen einen offenen freien Jahr Markt wie solches zu anderen Jahr Markt Orthen in unserem Fürstenthum bräuchlich und herkommen ist, zu Crainfeld bewilligt zegelassen priviligiret und befreyet haben.
Quelle: "Oberhessische Volkszeitung" vom 10.09.1952
 
Der Markt war auf zwei Tage befristet und bestand aus einem Vieh- und Krammarkt. Der erste Tag war Viehmarkt. Wurde ursprünglich vorwiegend mit Rindvieh und Pferden gehandelt, so wandelte sich der Markt nach dem ersten Weltkrieg zunehmend zum reinen Schweinemarkt. Vor 1933 wurde der Viehmarkt fast ausschließlich von jüdischen Viehhändlern, vornehmlich auch aus Crainfeld selbst, beschickt. Am zweiten Tag war Krammarkt, wobei die Handwerker und Gewerbetreibenden aus der Region und natürlich auch aus Crainfeld selbst ihre Waren zur Schau und zum Verkauf ausstellten. Der Krammarkt wurde mitten auf den Dorfstraßen ("Kreuzgasse", "Centgasse", "Obergasse") abgehalten. Nach der Marktordnung der Gemeinde Crainfeld vom 25.6.1868 durften die Stände und Buden in der Kreuz- und Centgasse auf beiden Seiten, in der Obergasse aber nur auf einer Seite der Straßen aufgestellt sein und außerdem nicht länger und breiter als 12 Fuß (= 3 Meter) sein. Die Standplätze wurden ausgelost und durften ohne Genehmigung des Bürgermeisters nicht vertauscht werden. Jeder Auswärtige hatte ein Standgeld von 6 kr. zu entrichten, während die Crainfelder Gewerbetreibenden hiervon befreit waren. Die Bäcker und Töpfer hatten ihre Stände auf dem Kreuzplatz, die Ellenwarenhändler in der Kreuzgasse, die Kurzwarenhändler in der Centgasse und daran anschließend die Wollweber und Schuhmacher sowie die Sattker, Seiler, Nagel- und Messerschmiede in der Obergasse.

Standgeld musste auf dem Crainfelder Markt übrigens bereits 1652 gezahlt werden, ebenso Zoll von außerhessischen Händlern sowie eine "Trinksteuer". Die Einnahmen kamen nicht nur der Gemeinde, sondern auch dem durch den Oberschultheißen vertretenen Landgrafen zugute. Der Markt wurde nicht nur von Händlern aus der Landgrafschaft Hessen, sondern auch dem benachbarten Riedeselland und dem Fürstbistum Fulda beschickt. Bis zum Jahr 1768 war er der einzige Markt im Gericht Crainfeld, denn am 30.5.1768 erhielt die Nachbargemeinde Bermuthshain ebenfalls das landgräfliche Privileg zur Abhaltung eines zweitägigen Vieh- und Krämermarktes am letzten Dienstag und Mittwoch im Juli, der als Bermuthshainer Sommermarkt noch heute abgehalten wird. Sowohl der Bermuthshainer wie auch der Crainfelder Markt wurden in den 1920er Jahren noch durch einen zusätzlichen Schweine- und Krämermarkt im Frühjahr (März/April) ergänzt. Da der Crainfelder Herbstmarkt zeitlich mitten in der arbeitsreichen Getreideernte stattfand und damit für die bäuerliche Bevölkerung sehr ungünstig lag, wurde er zunächst auf den zweiten Mittwoch im Oktober und ab 1952 auf den zweiten Mittwoch im September verlegt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gab es übrigens im benachbarten Grebenhain ebenfalls einen eigenen Markt, den heute nahezu vergessenen Grebenhainer Prämienmarkt. Während des zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit fand der Crainfelder Herbstmarkt zwischen 1939 und 1949 zehn Jahre lang nicht statt.

Bevor im Laufe des 19. Jahrhunderts feste Ladengeschäfte aufkamen, hatten der Crainfelder Markt und andere Jahrmärkte geradezu eine Monopolstellung. Nur während der Märkte konnte sich die bäuerliche Bevölkerung mit allen notwendigen Gebrauchsgegenständen, Werkzeugen, landwirtschaftlichem Gerät, Haushaltswaren, Kleidung u. a. eindecken, die sie selbst nicht herstellen konnte. Ähnlich wie der Herchenhainer Johannimarkt wurde auch der Crainfelder Herbstmarkt von der Bevölkerung des Vogelsberges nicht nur zum Handeln und Einkaufen genutzt, sondern auch, um Verwandte und Freunde zu treffen, Bekanntschaften zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Auch für die Dorfkinder war es ein besonderes Ereignis, da es üblich war, dass "Pätter" und "Goth" ihrem Patenkind ein so genanntes "Märtsteck" kauften.

 

Um 1960 präsentierte sich die ortsansässige Firma Schmelz ("Wänersch") auf dem Crainfelder Herbstmarkt mit einer Ausstellung landwirtschaftlicher Maschinen und Traktoren neben dem Gasthaus "Zum Hessischen Hof" ("Deichschneidersch").
 
Aufgrund der Einführung fester Ladengeschäfte und der Einlegung von neuen Prämierungsmärkten in den umliegenden Städten verloren die dörflichen Jahrmärkte wie der Crainfelder Herbstmarkt nach 1900 zunehmend an Bedeutung. Die Strukturveränderungen in der Landwirtschaft und im Handel nach 1945 versetzten ihnen endgültig den Todesstoß. Im Jahr 1971 wurden auf dem Crainfelder Markt gerade einmal noch vier Ferkel für 65 DM verkauft, während es 22 Jahre zuvor beim ersten Nachkriegs-Markt noch über 120 gewesen waren. In den letzten Jahren wandelte sich der Markt eher zu einem Volksfest. Auf ähnliche Weise blieb z. B. der Bermuthshainer Markt bis heute erhalten. Der 116 Jahre ältere Crainfelder Markt schlief jedoch nach der Gebietsreform vollends ein und wird seit 1973 nicht mehr abgehalten.