Wirtschaft und Gewerbe im alten Crainfeld

 

Briefkopf der Textilhandlung Jöckel von 1929.

 

Leinweberei

Bis zum Aufkommen der industriellen Textilverarbeitung im 19. Jahrhundert war die Leinweberei das dominierende Handwerk im Vogelsberg. Sie wurde zumeist als Nebengewerbe zur Landwirtschaft betrieben. Als Werkzeug, das in jedem Haushalt zu finden war, diente das seit etwa 1530 bekannte Tret-Spinnrad. Gesponnen wurde nur im Winter nach Beendigung bzw. vor Beginn der Feldarbeiten. Die Arbeit erfolgte zu Hause in Gemeinschaftsarbeit in Form der so genannten Spinnstube. Neben der eigentlichen Arbeit hatte die Spinnstube auch eine enorme soziale (gesellige) Bedeutung, da sie der traditionelle Treffpunkt der Dorfjugend in der Winterzeit etwa von Ende Oktober bis Anfang März war. Nach dem Niedergang des Leinwebergewerbes erfüllte die Spinnstube bzw. "Strickstube" sogar hauptsächlich nur noch eine gesellige Funktion. In Crainfeld gab es gewöhnlich zwei Spinnstuben, die der Mädchen und die der Burschen, welche je nach der Anzahl der Jugendlichen noch einmal in die der Kleinen und die der Großen aufgeteilt wurden. Die Spinnstube fand reihum im Dorf jeden Abend in einem anderen Haus in der Wohnstube statt, wozu jedes Mädchen Spinnrad bzw. Strickzeug mitbrachte. In engem Zusammenhang mit der Leinweberei stand das Färben, das entweder vor oder nach dem Spinnen in einem Farbbad erfolgte. An das Handwerk der Färberei erinnern in Crainfeld noch heute die Hausnamen "Mengersch" und "Färbersch" und erinnerte bis zu seinem Abriss 1978 das "Färbhaus", wo das eigentliche Färben stattfand.

Der letzte in Crainfeld tätige Leinweber war der aus Reichlos stammende Johannes Jöckel, welcher 1889 das nach ihm benannte "Jeckels" Haus kaufte. Sein Sohn Karl Jöckel wandelte das Gewerbe später in einen reinen Textilhandel um.

 

Meisterbrief des Schreinermeisters Heinrich Flach IV. ("Hoabichs") von 1954.

 

Schreinerhandwerk

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Crainfeld vier Schreinereien. Davon waren zwei ("Hobis" und "Heckenanne") größere Betriebe, die auch mehrere Gesellen und natürlich Lehrlinge beschäftigten. Die dörflichen Schreiner stellten als Bauschreiner Fenster und Türen und als Möbelschreiner Möbel, wie sie insbesondere bei Heiraten als Aussteuer benötigt wurden, her. Um einen kleinen Familienbetrieb handelte es sich bei der Schreinerei der Familie Blößer ("Pauls"). Im Jahr 1871 hatte der aus Salz stammende Schreinermeister Paul Flach das nach ihm benannte Haus "Pauls" erbaut, das nach seiner Auswanderung im Jahr 1880 an Sebastian Blößer aus dem Haus "Gerberts" überging. Dieser führte das Schreinerhandwerk im Haus weiter und ebenso seine Söhne und Enkel Wilhelm Konrad Blößer und Wilhelm Blößer. Dem "Pauls" Haus schrägt gegenüber war einst ein weiterer Schreinermeister angesiedelt, nämlich Heinrich Rahn II. (Linneboste").

Das Crainfelder Haus "Schreierjes" verdankte seinen Hausnamen dem von Nieder-Moos her in Crainfeld eingeheirateten Schreinermeister Heinrich Möller I.. Um 1910 erwarb sein Sohn Konrad Möller (geb. 1884) das Haus "Heckenanne", wo fortan auch der nicht unbedeutende Schreinereibetrieb angesiedelt war. Dessen Geschichte fand mit dem Sohn Heinrich Möller (gest. 1979) ihren Ausklang. Auch der Gründer der schon vor 1900 bedeutendsten und zugleich der letzten bis heute überlebenden Crainfelder Schreinerei stammte nicht aus einer der alteingesessenen Crainfelder Familien. Im Jahr 1852 gründete der aus Salz stammende Heinrich Flach I. seinen eigenen Schreinereibetrieb, der zunächst in der Hauptstraße (Frankfurter Straße) im "Nades"  Haus ansässig war. 1862 zog er in die "Hoabichs" Hofreite in der Ortsmitte in unmittelbarer Nachbarschaft zu Kirche und Edelhof um, wo die Schreinerei bis heute ihren Sitz hat. Dem Betriebsgründer Heinrich Flach 1. folgte jeweils der älteste Sohn als Schreinermeister nach. Die Schreinerei Flach, der wahrscheinlich älteste Gewerbebetrieb auf dem Gebiet der Großgemeinde Grebenhain überhaupt, besteht nunmehr seit sechs Generationen: Heinrich Flach I. (geb. 1827), Heinrich Flach III. (geb. 1862), Heinrich Flach IV. (geb. 1888), Heinrich Flach (geb. 1920), Heinrich Johann Flach (geb. 1950) und Christian Flach (geb. 1974).

 

Gesellenbrief des späteren Schreinermeisters Konrad Möller ("Heckenanne") von 1904.

 

Wagnerhandwerk

Der Wagner hatte in der bäuerlich strukturierten Dorfgemeinschaft eine wichtige Stellung. Er fertigte Räder, Schubkarren, Handwagen, Kuh- und Pferdewagen, Schlitten, Kutschen, Gestelle für Pflüge und Eggen, Werkzeugstiele, Leitern, Lattenzäune und Backschießer her. Dominierend war die Herstellung von hölzernen eisenbereiften Rädern und Wagenkästen. Den Niedergang dieses erst im 19. Jahrhundert entstandenen Handwerks brachte die Einführung des gummibereiften Ackerwagens gegen Ende der 1930er Jahre.

Als bedeutendste Crainfelder Wagnerei wurde die heutige Firma Schmelz Motorgeräte im Jahr 1894 von dem aus Steinfurt gebürtigen Friedrich Schmelz gegründet. Das Haus der Familie Schmelz erhielt nach dem Beruf den Hausnamen "Wänersch". Für den Wagnerbetrieb wurden bereits 1899 eine eigene Wagnerwerkstatt nebst einer Lagerhalle gebaut. 1902 entstand ein Kesselhaus für die betriebseigene Dampfmaschine. Diese diente zum Antrieb einer Presse für die Herstellung von "Schneeschuhen" (Skiern), wie sie bereits seit 1886 im benachbarten Bermuthshain durch den dortigen Bürgermeister und Landtagsabgeordneten Friedrich Jost erfolgte. Mehrfach war das Anwesen durch Großbrände betroffen. 1927 wurde die Werkstatt vergrößert. Nachdem Friedrich Schmelz, der auch Mitgründer, Vorsitzender und "treibende Kraft" des Crainfelder Gewerbevereins gewesen war, durch einen Verkehrsunfall ums Leben kam, übernahm sein Sohn Heinrich Schmelz 1934 den Betrieb. Neben Leiterwagen wurden auch komplette Kutschen und Pferdeschlitten hergestellt und, wie erwähnt, für den Wintersport Skier gefertigt. Während der beiden Weltkriege wurden auch Militäraufträge erledigt. Als Reaktion auf die zurückgehenden Bedeutung des klassischen Wagnergewerbes stellte sich Heinrich Schmelz nach 1945 auf die Reparatur und den Vertrieb von Traktoren und anderen Landmaschinen ein. Im Jahr 1961 ließ die Firma "H. u. F. Schmelz Fahrzeugbau", wie sie sich seinerzeit offiziell nannte, eine selbst entwickelte Zuggabel für gummibereifte Ackerwagen patentieren. Diese wurde dort anschließend in Serie gebaut. 1962 wurde auch ein neues Werkstattgebäude errichtet. 1969 folgte Friedrich Schmelz seinem Vater als Betriebsinhaber nach und wurde vorübergehend auch Ortsvorsteher von Crainfeld, starb jedoch bereits 1974. Sein Sohn Werner Schmelz übernahm den Betrieb daher bereits im Alter von 20 Jahren. 1976 erfolgte der Neubau einer weiteren Gerätehalle im Märzwiesenweg. Neben der Reparatur von Landmaschinen spezialisierte man sich zunehmend auf Reparatur und Vertrieb von Kommunal- und Gartengeräten und Geräten der Landschaftspflege.

Neben Friedrich Schmelz gab es in Crainfeld vor dem Zweiten Weltkrieg noch den Wagnermeister Konrad Rehberger (geb. 1877) im Haus "Christöffeljes".

 

Einer der durch die Firma Schmelz Anfang der 1960er Jahre gebauten, mit der selbstentwickelten Zuggabel versehenen, Ackerwagen vor dem Gasthaus "Zur Eisenbahn" ("Schreiersch"). Im Hintergrund ist der Eingang zum alten Saal von "Schreiersch" zu sehen.
 

Schindelmacherei und Zimmerhandwerk

Die Herstellung der für das Ortsbild früher so charakteristischen Holzschindeln geschah in Handarbeit durch den Schindelmacher bzw. Schindler. Im Jahr 1909 kaufte der aus Dirlammen (heute Ortsteil von Lautertal) stammende Schindlermeister Heinrich Luft das Haus "Joels", nunmehr "Lufte", am Nordende der heutigen Nebenstraße. Auf der anderen Seite der Straße bestand zu diesem Zeitpunkt im Haus "Budnersch" bereits seit etwa 1875 eine von dem ebenfalls aus Dirlammen gebürtigen Schindlermeister Johannes Hansel gegründete und auch über Crainfeld hinaus gefragte Schindlerei, die dessen Schwiegersohn Johannes Schuchardt (geb. 1873) aus Vaitshain und seine Nachfahren in männlicher Linie weiterführten. Das weitgehende Aus für die Schindelmacherei im Vogelsberg kam seit den 1950er Jahren mit der Verdrängung der traditionellen Holzschindeln durch die industriell hergestellten Eternitplatten. Nachdem die Firma Schuchardt sich zunächst auf den Vertrieb dieser neuzeitlichen Wandverkleidungen umstellen konnte, besteht sie heute als Dachdeckerei unter der Leitung von Armin Schuchardt (Ururenkel von Johannes Schuchardt) weiter.

Der Beruf des Zimmermanns hatte in dem vor 1945 nahezu ausschließlich durch Fachwerkbauten geprägten Crainfeld eine besondere Bedeutung (siehe auch Kapitel "Fachwerkhäuser"). Die lange Zeit größte ortsansässige bedeutende Zimmerei und Bauwarenhandlung wurde durch Johannes Fritz ("Schefferjes") um 1865 und später durch seinen Sohn Sebastian Fritz II. (gest. 1926) weitergeführt. Seit dem September 1995 gibt es in Crainfeld nach rund 70 Jahren wieder einen Zimmereibetrieb, nämlich die Zimmerei & Holzbau Thomas Rausch GmbH (Hausname "Schmiede"), die aus der ehemaligen Schmiedewerkstätte der Familie Rausch entstand und im Neubaugebiet Karl-Schmalbach-Straße ansässig ist.

Schmiedehandwerk

Der Schmied war der wichtigste Handwerker innerhalb des dörflichen Gefüges, da nur er in der Lage war, die in der Landwirtschaft benötigten Arbeitsgeräte herzustellen und zu reparieren und überdies die Zugtiere mit Hufeisen zu beschlagen. Die "Produktpalette" eines Schmiedes umfasste Nägel, Haken, Hufeisen, Eisenringe für Holzräder, Kuhketten, Eisenteile für Arbeitsgeräte und Pferdewagen sowie Werkzeuge aller Art. Zur Grundausstattung einer Schmiede gehörten mindestens Hammer, Amboss und Zange sowie in jedem Fall neben der Esse noch ein Blasebalg, um die Temperatur des Feuers zu erhöhen und ein Wassereimer zur raschen Abkühlung des geschmiedeten Eisens. Die Arbeit in der raucherfüllten und rußgeschwärzten Schmiede war sehr hart.

In Crainfeld sind schon seit Beginn der Kirchenbuchaufzeichnungen 1659 mehrere Schmiede nachzuweisen. Zu ihnen gehörte auch Heinrich Schmalbach I., der gleichzeitig Beigeordneter war und 1826 den Edelhof kaufte. Einer Legende nach zufolge soll er beim Rückmarsch der französischen Truppen 1813 das Pferd Napoleons beschlagen haben, worüber ein im Edelhof aufbewahrtes Patent Auskunft gegeben haben soll. Eine sehr alte Tradition hatte das Schmiedehandwerk im Haus "Koathereins" und der Besitzerfamilie Rauber. Der erste Schmied aus dieser Familie war Johann Sebastian Rauber (geb. 1774). Sein Sohn Balthasar Rauber II. war zugleich auch noch Bürgermeister. Nach ihm haben noch vier Generationen im Haus "Kathereins" das Schmiedehandwerk betrieben, nämlich Sebastian Rauber II., Johannes Rauber und Karl Rauber. Bei der zweiten Schmiedewerkstatt in Crainfeld vor dem zweiten Weltkrieg wurde das Handwerk auch namensgebend für das Haus. 1934 kaufte der Schmiedemeister Karl Rausch, der aus "Götzjes" stammte, das Haus "Ennersjes" und führte die dort bereits 1861 bestehende Schmiede weiter, weshalb fortan der Hausname "Schmiede" gebraucht wurde. Sie war die letzte Schmiedewerkstatt in Crainfeld und wurde 1992 in ein Holzhandelsunternehmen und 1995 in eine Zimmerei umgewandelt.

 

Briefkopf der Schuhhandlung Stern von 1928.

 

Schuhmacherhandwerk

Ähnlich wie die Leinweberei wurde auch das Handwerk des "Schusters" (Schuhmachers) zumeist im Nebenerwerb betrieben. Dennoch gab es auch hierbei in Crainfeld noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere Meisterbetriebe bzw. Ortsbürger, die Schuhmachermeister waren. Über mehrere Generationen ausgeübt wurde das Schuhmacherhandwerk in den Häusern "Bergbalzerjes" und "Schwarzhaupts". Im Jahr 1865 heiratete der Schuhmachermeister Konrad Stock aus Ilbeshausen die Witwe Anna Margaretha geb. Schäfer im Haus "Bergbalzerjes". Nach ihm übernahmen sein Stiefsohn Heinrich Schäfer und dessen Schwiegersohn Wilhelm Luft (gest. 1942) aus Hartmannshain das Geschäft. Im Haus "Schwarzhaupts" erscheinen schon ab 1747 nacheinander Johannes Rehberger, dessen Sohn Johannes Rehberger und wiederum dessen Schwiegersohn Johann Balthasar Oechler als Schuster bzw. Schuhmacher unter den Besitzern. Zuletzt übte Johannes Schwarzhaupt II. (geb. 1870) dieses Handwerk aus. Bis etwa 1870 war das Schuhmacherhandwerk drei Generationen lang auch im (alten) Haus "Götzjes" (später "Nathans") zuhause, nacheinander übten Johann Heinrich Götz, Balthasar Götz und Johannes Götz II. diesen Beruf aus.

Im Wohnteil des alten Hauses von "Deichschneidersch", das gegenüber der großen Gastwirtschaft "Hessischer Hof" gelegen war und zu diesem gehörte, hatte bis 1934 der jüdische Schuhmacher Salomon Wertheim, im Volksmund "Jiddeschuster" genannt, Werkstatt und Wohnung. Unter den weiteren Crainfelder Schuhmachermeistern und Schuhmachern, die es um 1900 in Crainfeld noch gab, ist Johannes Linker II. zu erwähnen, dem zuerst das "Siebhannesjes" Haus und nachher ab 1889 das "Franze" Haus gehörten. Johannes Mohr, der 1883 im Haus "Wennersteie" einheiratete, war ein Sohn des Schuhmachers Karl Mohr im benachbarten Bermuthshain. Im Haus "Eirichs", dem ehemaligen Brauhaus an der Cent, wohnte der Schuhmachermeister und Steuerbote Andreas Eirich. Das Haus "Pingstwegs" (später "Langs") gehörte dem Schuhmacher Christian Reifschneider (geb. 1901) aus Altenstadt. Weiterhin arbeitete der langjährige Crainfelder Polizeidiener Andreas Neuner (auch als Schuhmacher. An das Schuhmacherhandwerk erinnert ferner noch der Hausname "Schoumesch", der sehr wahrscheinlich auf den Schuhmacher und früheren Hausbesitzer Johann Balthasar Meinhardt (geb. 1818) zurückging.

 

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